Kinder- und Jugendliche in Fremdunterbringung stellen eine Hochrisikopopulation dar. Neben biologischen Risikofaktoren, kumulieren bei dieser Gruppe auch weitere Belastungsfaktoren. So stellen Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung häufig den Anlass für eine Unterbringung dar. Studien zeigen, dass bis zum 90% der fremduntergebrachten Kinder- und Jugendlichen von traumatischen Erfahrungen in der Vorgeschichte berichten, zwischen 60 und 80 % zeigen psychische Auffälligkeiten. Das vorliegende Symposium beschäftigt sich mit den Fragen der Entwicklung dieser Kinder- und Jugendlichen sowie mit Interventionen für die Betroffenen und Qualifikationsmassnahmen für Fachkräfte. Im ersten Vortrag werden die langfristigen Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung auf die Teilhabe von ehemals fremduntergebrachten Kindern- und Jugendlichen untersucht. Obwohl auf den Schutz der Betroffenen ausgerichtet, stellt eine Fremdunterbringung an sich ein kritisches Lebensereignis dar. Der zweite Vortrag stellt die auf Biografiearbeit basierende Intervention „ANKOMMEN“ für Jugendliche in Fremdunterbringung dar, die zum einen auf eine bessere Akzeptanz der Fremdunterbringung bei den Betroffenen abzielt, zum anderen aber durch die Biografiearbeit zu einer Förderung der Identitätsbildung bei den Betroffenen beiträgt. Im dritten Vortrag werden Daten aus dem „JAEL“ E – Learning vorgestellt, die die Effizienz und Akzeptanz eines praxisrelevanten E-Learning Programm belegen.
11:45 Uhr
Belastende Kindheitserfahrungen und soziale Teilhabe ehemals fremdplatzierter junger Erwachsener – Ergebnisse der schweizweiten Kohortenstudie "Jugendhilfeverläufe: aus Erfahrung Lernen (JAEL)“
Dr. David Bürgin
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Autoren:
Dr. David Bürgin
Nils Jenkel
Dr. Cyril Boonman | Switzerland
Prof. Dr. Jörg M. Fegert | Germany
Prof. Dr. Klaus Schmeck
Dr. Marc Schmid | Switzerland
Theoretischer Hintergrund: Immer mehr Studien zeigen die gravierenden sozialen Folgen von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen für den weiteren Lebensweg. Außerfamiliär platzierte Kinder und Jugendliche kumulieren viele solcher und weiterer Risikofaktoren.
Ziel: Dieser Beitrag zielt darauf ab die langfristigen Auswirkungen von Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen auf die soziale Teilhabe in einer Stichprobe von ehemals fremdplatzierten jungen Menschen in der Schweiz zu untersuchen, um aus der Erfahrung dieser Jugendhilfeverläufe zu lernen.
Methode: Im Rahmen der JAEL-Studie wurden 231 ehemals fremdplatzierte junge Erwachsene (1/3 weiblich) mit durchschnittlichem Alter von 26 Jahren umfassend mit einer psychometrischen Testbatterie untersucht. Dabei wurden Misshandlungserfahrungen, sowie die soziale Teilhabe bezüglich psychischer Gesundheit, Legalbewährung, sozio-ökonomische Lage und Beziehungen erfasst.
Ergebnisse: Die Ergebnisse verdeutlichen die hohe Prävalenz und negativen Folgen von kumulierten Misshandlungserfahrungen, sowohl von Missbrauch als auch von Vernachlässigung. Trotz ihrer biografischen Herausforderungen steht ein Grossteil ehemals fremdplatzierter junger Menschen stabil im Leben. Risiko- und Schutzfaktoren für erfolgreiche Jugendhilfeverläufe im Kontext der (anhaltenden) Belastungen werden präsentiert.
Diskussion und Schlussfolgerung: Die Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen für die gesellschaftliche Integration und Teilhabe ehemals fremdplatzierter junger Erwachsener unterstreichen die Bedeutung der Prävention und frühzeitigen Intervention, als auch den Bedarf für lebensweltorientierten Hilfen. Gelingensfaktoren und Stolpersteine für Jugendhilfeverläufe werden diskutiert.
12:00 Uhr
„ANKOMMEN“ in der Fremdunterbringung – Evaluationsergebnisse einer manualisierten Gruppenintervention zur Biographiearbeit im Jugendhilfesetting
Dr. Andreas Witt | UPD Bern | Switzerland
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Autoren:
Dr. Andreas Witt | UPD Bern | Switzerland
Prof. Dr. Miriam Rassenhofer
Steffen Schepp
Dr. Elisa Pfeiffer
Prof. Dr. Jörg M. Fegert | Germany
Hintergrund: Fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche weisen aufgrund vielfältiger belastender Kindheitserfahrungen eine hohe Vulnerabilität für Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen auf. Zudem stellt die Fremdunterbringung selbst ein kritisches Lebensereignis dar, erfordert eine hohe Anpassungsleistung und geht oftmals mit Loyalitätskonflikten sowie aversiven Gefühlen einher. Eine Methode, die sich besonders zur Bewältigung von Krisen oder Wendepunkten im Leben eignet, ist Biografiearbeit. Ziel des Projekts „ANKOMMEN“ ist die Entwicklung und Evaluation einer leicht implementierbaren, manualisierten Gruppenintervention zur fokussierten Biografiearbeit für 12- bis 17-jährige Jugendliche im stationären Jugendhilfesetting.
Methode: Die Intervention wurde in Kooperation mit Fachkräften der Jugendhilfe entwickelt und im Rahmen einer Pilotstudie in n=13 Jugendhilfeeinrichtungen in Süddeutschland durchgeführt. Die Evaluation erfolgt im Mixed-Methods-Design anhand psychometrischer Fragebögen zu drei Messzeitpunkten sowie qualitativer Interviews nach Abschluss der Intervention.
Ergebnisse: Im Vortrag werden Rational, Aufbau und Inhalte der in drei Phasen gegliederten Intervention skizziert sowie Ergebnisse qualitativer sowie quantitativer Analysen vorgestellt.
Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse bestätigen die Machbarkeit der Intervention und geben Hinweise auf eine positive Wirkung hinsichtlich der Akzeptanz der Fremdunterbringung sowie der Identitätsentwicklung der Jugendlichen.
12:15 Uhr
JAEL-E-Learning – eine erfolgreich evaluierte webbasierte Weiterbildung für Fachpersonen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
Nils Jenkel | Germany
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Autoren:
Nils Jenkel | Germany
Daniela Neichl
Dr. Cyril Boonman | Switzerland
Prof. Dr. Jörg M. Fegert | Germany
Prof. Dr. Klaus Schmeck | Switzerland
Dr. Marc Schmid | Switzerland
Hintergrund. Im Rahmen des Modellversuchs JAEL wurde eine webbasierte Weiterbildung zu Schutz- und Risikofaktoren gelingender Entwicklungsverläufe von ausserfamiliär untergebrachten Kindern und Jugendlichen (z.B. Traumasensibilität, Versorgungskontinuität, Umgang mit psychischen Problemen) entwickelt und wissenschaftlich evaluiert.
Methode. Der Online-Kurs wurde in mehreren Kohorten und in den drei Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch getestet. Insgesamt nahmen bisher mehr als 1300 Fachkräfte an dem Online-Weiterbildungsangebot teil; bei 231 Kursabsolvent*innen wurde die Effektivität des E-Learnings anhand eines Warte-Kontrollgruppen-Design überprüft.
Ergebnisse. Insgesamt betrachtet waren die Teilnehmenden hochzufrieden mit dem Online-Lernangebot. Nicht nur wurde das inhaltliche Niveau trotz heterogenem beruflichem Hintergrund und Berufserfahrung als angemessen empfunden, auch die Relevanz der Inhalte für den beruflichen Alltag wurde als hoch eingestuft. Nach Absolvierung des Online-Kurses verzeichneten das subjektiv eingeschätzte Wissen, das objektive Wissen, die Handlungskompetenz, die allgemeine Selbstwirksamkeit sowie die Selbstwirksamkeit im pädagogischen Alltag als auch die Arbeitszufriedenheit einen statistisch signifikanten Zuwachs.
Schlussfolgerungen. Die Ergebnisse der Kurs-Evaluation und alle weiteren Rückmeldungen sprechen dafür, dass es aus JAEL heraus gelungen ist, ein nicht nur effektives, sondern auch hochakzeptiertes und praxisrelevantes Fortbildungsangebot zu entwickeln. Wie das Angebot der Praxis weiterhin zur Verfügung gestellt werden und ausgebaut werden kann, ist in Planung.
12:30 Uhr
Promoting Resilience Across Settings: Experiences with START NOW from Research to Practice
Dr. Donja Brunner | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
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Autoren:
Dr. Donja Brunner | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Andreas Papageorgiou | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Janine Bacher | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Stefan Weiss | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Eva Unternährer | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Prof. Dr. Dr. Christina Stadler | Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel UPK | Switzerland
Promoting Resilience Across Settings: Experiences with START NOW from Research to Practice
Donja Brunner1 (Presenting Author), Andreas Papageorgiou1, Janine Bacher1, Stefan Weiss1, Eva Unternaehrer1, Christina Stadler1
1Child and Adolescent Research Department, University Psychiatric Clinics, University of Basel, Basel, Switzerland.
Background: Young people living in youth welfare institutions often struggle with stress and emotion regulation. In addition, professionals caring for and working with them face recurring challenges, resulting in stress among employees and vice versa. Despite this, there is a lack of evidence-based interventions aiming to improve the situation, or in other terms resilience, on both sides.
START NOW is an evidence-based, manual-guided, skills training for group settings based on cognitive behavioral therapy, integrating aspects of dialectical behavior therapy, motivational interviewing, and trauma-informed care. The aim of the skills training is not only to promote resilience and emotion regulation among adolescents and young adults but also among professionals in residential youth care.
Objective: This contribution aims to take a closer look at START NOW and resulting applications in clinical settings as well as in the everyday care of youth welfare, schools, and refugee settings. In addition, the aim is to stimulate a discussion on how resilience can be promoted in an evidence-based way in hard-to-reach populations and what role multimodal approaches and digitalization play in this.
12:45 Uhr
«Fehler und Fallstricke in Diagnostik und Therapie von Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen»
Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch | KJPD lups | Switzerland
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Autoren:
Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch | KJPD lups | Switzerland
Prof. Dr. Jochen Mutschler | Luzerner Psychiatrie | Switzerland
Diagnose und Therapie von Suchterkrankungen im Jugend- wie im Erwachsenen- und auch im hohen Alter sind für die PsychotherapeutInnen anspruchsvoll, da sowohl die Krankheitssymptome, als auch die dazu gehörigen psychosozialen Rahmenbedingungen, die Co-Morbidität, die gesellschaftliche Grundhaltung zu Substanzen und Verhaltensweisen und auch Verfügbarkeit und Preis berücksichtigt werden müssen.
In einem derart komplexen Feld gibt es die Gefahr, dass vereinfachende Vorannahmen, mangelnde fachliche Kenntnisse oder auch eine oberflächliche Beziehung zum Patienten dazu führen, dass Probleme unterschätzt oder überschätzt werden.
Anhand von typischen «Fallstricken» kann man darstellen, welche Probleme in diesem Bereich für den Psychotherapeuten/für die Psychotherapeutin in Praxis und Klinik entstehen können. Zumeist sind Psychotherapeuten/innen nicht primär mit der Suchterkrankung als solcher beschäftigt, sondern mit anderen Störungen, die begleitend auftauchen wie Angsterkrankungen, Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, posttraumatische Störungen und anderen.
In Anbetracht der Tatsache, dass Verfügbarkeit, Preis, Anonymität und gesellschaftliche Verbreitung von vielen (z. T. auch noch illegalisierten) Substanzen und potentiell abhängig machenden Verhaltensweisen so weit in der Gesellschaft verbreitert und so tief verankert sind und sich in Kindheit und Jugend früh entwickeln können, bedarf es eigentlich bei jeder psychotherapeutischen Behandlung einer systematischen Abklärung von Suchtverhaltensweisen im Allgemeinen. Dieser Abklärung folgt eine individuelle Bewertung, ob diese Thematik stark im Vordergrund steht oder sekundär ist oder vielleicht nur in bestimmten Krankheits- und Lebensphasen auftaucht.
In der Zukunft wird die noch höhere Verfügbarkeit von Cannabis, der teilweise sinkende Preis anderer illegalisierter Substanzen, vor allem aber die 24 Stunden, 365 Tage im Jahr zur Verfügung stehenden Medienapplikationen eine noch grössere Rolle spielen.
Diesen Prozess zu begleiten kann wichtige Aufgabe eines Psychotherapeuten sein, wenn es ihm gelingt die Funktionalität des Substanzkonsums oder des Verhaltens im