Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz stellt die Behandelnden vor grosse Herausforderungen. Begleitung der Betroffenen und ihrer Familien, Psychotherapie und Indikationsstellung für medizinische Behandlungsschritte erfordern ein sorgfältiges Vorgehen und komplexe medizinische, psychologische, ethische und rechtliche Abwägungen im Einzelfall. In dem Symposium werden die neuen AWMF-Leitlinien für den deutschsprachigen Raum vorgestellt sowie Forschungsergebnisse aus der Schweiz und Deutschland vorgestellt.
14:30 Uhr
Leitlinien und ethische Abwägungen in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz
KD Dr. med. Dagmar Pauli | Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich | Switzerland
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Autor:
KD Dr. med. Dagmar Pauli | Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich | Switzerland
Einleitung
Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz ist komplex und herausfordernd. Die neue AWMF S2k Leitlinien ersetzt die veraltete S1 Leitlinie und wurde in einem mehrjährigen Prozess durch Delegierte von 27 Fachgesellschaften und zwei Verbänden von Betroffenen und Eltern erarbeitet. Die erste Version wurde im März 2024 zur Kommentierung veröffentlicht.
Methode
Der Leitlinienprozess beinhaltet eine Sichtung und Bewertung der gesamten Literatur und aller bereits bestehenden internationalen Leitlinien. Die Empfehlungen werden durch die Stimmberechtigten Delegierten der Fachgesellschaften konsentiert.
Ergebnisse
Die Empfehlungen der neuen Leitlinie beinhalten das Vorgehen in Bezug auf Diagnostik, Psychotherapie, Diskriminierungsschutz, Begleitung der Familie, Abklärung und Indikationsstellung bezüglich medizinischer Massnahmen, ethische und rechtliche Erwägungen sowie Prozessbegleitung zur informierten Zustimmung von Betroffenen und Sorgeberechtigten.
Diskussion
Die Empfehlungen der neu erschienenen AWMF S2k Leitlinie zur Geschlechtsinkongruenz bei Kindern und Jugendlichen werden aufgezeigt und diskutiert.
14:45 Uhr
Endokrinologische Behandlungsschritte bei Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz
Dr. Odile Gaisl | Universititäts-Kinderspital Zürich
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Dr. Odile Gaisl | Universititäts-Kinderspital Zürich
Eine Geschlechtsinkongruenz liegt vor, wenn die empfundene Geschlechtsidentität und das bei Geburt zugewiesene, biologische Geschlecht nicht übereinstimmen. Viele betroffene Jugendliche bevorzugen jedoch den als weniger stigmatisierend empfundenen Begriff Transidentität oder bezeichnen sich selbst als Transgender.
Das Missverhältnis zwischen empfundener Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht kann zu Stress und funktionellen Beeinträchtigungen führen und in einer Geschlechtsdysphorie resultieren.
Es stehen verschiedene hormonelle Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, welche stets interdisziplinär erfolgen sollten (Psychologen, Psychiater, pädiatrische Endokrinologen). Das Voranschreiten der Pubertät kann durch die Verwendung von Gonadotropin-Releasing-Hormon-Analoga reversibel unterdrückt werden. Hormonelle Behandlungen mit Testosteron oder Östrogenen im Sinne einer geschlechtsangleichenden Therapie können es Jugendlichen mit Genderdysphorie ermöglichen, ihr körperliches Erscheinungsbild aktiv zu maskulinisieren oder zu feminisieren, um dieses mit ihrer Geschlechtsidentität in Einklang zu bringen. Die Wirkung einer hormonellen Therapie, der zeitliche Verlauf, Grenzen und mögliche unerwünschte Wirkungen einer Hormontherapie bei Jugendlichen mit Genderdysphorie sowie die aktuelle wissenschaftliche Lage werden Gegenstand dieses Vortrags sein.
15:00 Uhr
Psychopathologie, Körperzufriedenheit und Lebenszufriedenheit bei Jugendlichen mit einer Geschlechtsinkongruenz im Verlauf der Behandlung - eine Follow-up Studie.
Tanja Schenker | Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich | Switzerland
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Autor:
Tanja Schenker | Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Zürich | Switzerland
Tanja Schenker, Lukasz Smigielski, Manuela Günthardt, Camille Amman, Dagmar Pauli
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Theoretischer Hintergrund
Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz leiden häufig unter Minderheitenstress, schwerer Psychopathologie und Körperdysphorie mit negativen Folgen für das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit. In unserer Studie beforschen wir trans Jugendliche in der Schweiz, um ihre Entwicklung von Körperbild, Psychopathologie und Lebenszufriedenheit im Verlauf der Behandlung zu untersuchen.
Fragestellung
Wie verändern sich Psychopathologie, Geschlechtsdysphorie, Körperzufriedenheit und Lebenszufriedenheit von trans Jugendlichen über fünf Jahre hinweg bei einer Stichprobe der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich?
Methode
Es handelt sich um eine konsekutive klinische Stichprobe von N=105 Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz (T0 Alter 14-18 Jahre, 75% bei Geburt weiblich, 25% männlich zugeordnet). Bei T0 füllen die Teilnehmenden eine Reihe von Fragebögen aus betreffend demografische Faktoren, Geschlechtsidentität, sozialer Transition, allgemeine Psychopathologie (Youth Self Report YSR), Lebensqualität (Kidscreen-27) sowie Geschlechtsdysphorie (Utrechter Gender Dysphoria Scale UGDS), und Körperzufriedenheit (Body Image Scale BIS). Die Nacherhebungen erfolgen jährlich. Bei der Nachuntersuchung wurde die gleiche Batterie verwendet, zusätzlich wurde die Behandlungszufriedenheit erhoben.
Ergebnis
Die Studie bestätigt eine starke Geschlechtsdysphorie und Körperunzufriedenheit sowie hohe Psychopathologiewerte bei trans Jugendlichen zu Beginn der Behandlung. Im Laufe der Behandlung zeigt sich eine signifikante Abnahme der Körperunzufriedenheit und in geringerem Masse und mit zeitlicher Verzögerung der Psychopathologie. Beide Faktoren scheinen durch eine soziale Transition und medizinische Behandlungen (Hormontherapie und Mastektomie) beeinflusst zu werden. Es besteht eine Korrelation zwischen der Abnahme von Körperzufriedenheit und Psychopathologie und der Zunahme der Lebensqualität im Laufe der Behandlung, im mehrjährigen Verlauf.
Schlussfolgerung
Geschlechts- und Körperdysphorie haben einen großen Einfluss auf die Psychopathologie und die Lebensqualität von Jugendlichen. In der untersuchten Stichprobe erstreckt sich der Veränderungsprozess über viele Jahre. Es müssen weitere Studien durchgeführt werden, um festzustellen, welche Faktoren neben der medizinischen Behandlung (z.
15:15 Uhr
Versorgungssituation und -bedarf von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie aus Sicht von niedergelassenen Kinder- und Jugendärzt*innen
Lea Sundsgaard | Universitätsklinikum Münster | Germany
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Autor:
Lea Sundsgaard | Universitätsklinikum Münster | Germany
Lea Sundsgaard1, Lisa Wedekind2, Ulla Stelling3, Agnes von Strachwitz4, Georg Romer5, Angela Rölver6
Hintergrund: Der Bedarf an Gesundheitsversorgung für Kinder- und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie (GD) nimmt weltweit zu. Die pädiatrische Praxis ist dabei oftmals eine primäre Anlaufstelle für Betroffene und ihre Familien. Bisher ist unklar, wie pädiatrische Behandelnde die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit GD erleben, welche Bedarfe und Herausforderungen sie diesbezüglich sehen. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen mit GD in der pädiatrischen Routineversorgung aus Sicht von niedergelassenen Kinder- und Jugendärzt*innen (KJÄ) vertiefend zu untersuchen.
Methode: Es wurden leitfadengestützte Interviews mit 32 niedergelassenen KJÄ geführt, anschließend transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.
Ergebnis: Der Großteil der KJÄ berichtete von einem steigenden Beratungsbedarf zum Thema GD in ihrer pädiatrischen Sprechstunde. Gleichzeitig wurden Unsicherheiten bei der Versorgung, wie etwa hinsichtlich der Ätiologie und Diagnostik von GD sowie der Entscheidung für somatomedizinische Maßnahmen im Jugendalter geäußert. Es wurde von Hürden bei der weiterführenden Anbindung von Patient*innen berichtet und die Notwendigkeit von flächendeckenden, ergebnisoffenen spezifischen Beratungsangeboten für Betroffene betont. Ein Großteil der Befragten wünschten sich mehr Fortbildungs- und Schulungsangeboten im Bereich GD.
Diskussion: Die Ergebnisse zeigen, dass KJÄ sich als vertrauensvolle Ansprechpersonen für ihre Patient*innen mit GD verstehen und in den Behandlungsprozess miteingebunden werden wollen. Gleichzeitig bestand bei den befragten KJÄ eine fachliche Verunsicherung aufgrund von unzureichendem Wissen und Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit GD. Eine weitere Sensibilisierung und Schulung von KJÄ ist erforderlich, um die Versorgungssituation von Kindern und Jugendlichen mit GD zu verbessern. Für eine effektive Zusammenarbeit zwischen Routine- und spezialisierter Versorgung bedarf es klaren Versorgungsstrukturen
15:30 Uhr
TRANS*KIDS - Entwicklung und Evaluation von deutschlandweiten Schulungen für eine trans*-sensitive Haltung im Gesundheitswesen (Videoaufzeichnung)
Milena Siebald | Universitätsklinikum Münster | Germany
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Autor:
Milena Siebald | Universitätsklinikum Münster | Germany
Milena Siebald, Georg Romer, Manuel Föcker
Hintergrund: Trotz der wachsenden gesellschaftlichen Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt erfahren behandlungssuchende trans* Kinder und Jugendliche in ihrem Alltag weiterhin Stigmatisierung, Diskriminierung und Mobbing bis hin zu gewaltsamen Übergriffen. Auch im Gesundheitssystem sind Diskriminierungserfahrungen von behandlungssuchenden trans* Personen Realität. Ziel der TRANS*KIDS Studie war es, auf der Basis der Ergebnisse qualitativer und quantitativer Befragungen erstmalig Schulungsmaßnahmen für das Gesundheitswesen zu entwickeln, in denen für eine trans*sensitive Haltung und Kommunikation sensibilisiert werden soll.
Methode: Die Schulungen bestanden aus einem theoretischen Teil, in dem Vorträge aus psychiatrisch-psychotherapeutischer, endokrinologischer und medizinethischer Perspektive sowie aus Perspektive der Betroffenen gehalten wurden. Zum anderen fanden im Anschluss Workshops statt, die jeweils von einem Tandem aus Behandler*in/Forschender*m und Expert*innen in eigener Sache geleitet wurden und in deren Rahmen auch Kleingruppenarbeiten zu selbsterfahrungsähnlichen Fragen angeregt wurden. Die Teilnehmenden nahmen zu einem großen Teil an der Prä- und Post-Befragung teil und evaluierten die Veranstaltungen. Sowohl im Pretest als auch im Posttest wurde eine ins Deutsche übersetzte Variante der Counselor Competence Gender Identity Scale (CCGIS) eingesetzt, im Posttest wurde zusätzlich um die Bewertung der fachlichen Qualität, des Nutzens für das eigene Praxisfeld und des persönlichen Lernerfolgs anhand von Schulnoten gebeten, außerdem gab es Freitextfelder für die subjektive Veränderung der Einstellung gegenüber trans* Personen und für mögliche Kritik.
Ergebnis: Insgesamt bewertete ein Großteil der Befragten der fachlichen Qualität der Vorträge und Workshops als gut oder sehr gut und schätzten den Nutzen für das eigene Praxisfeld als mindestens befriedigend und auch ihren persönlichen Lernerfolg als mindestens befriedigend ein. Über die Hälfte gab an, dass sie die Schulung „ganz sicher“ weiterempfehlen würden, die meisten anderen hielten dies für „wahrscheinlich“. Die Veränderungen der Skalenwerte der Counselor Competence Gender Identity Scale (CCGIS) deuten insgesamt auf eine Verringerung der Voreingenommenheit hin. Auch die Inhalte der vielen ausgefüllten Freitextfelder sprechen für eine Reduktion von Berührungsängsten, Stereotypen und Voreingenommenheit.
Diskussion: Insgesamt sprechen sowohl die Ve