Auteurs:
Clemens Haupt | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
Dr. Patrick Köck | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
Prof. Dr. med. Jochen Kindler | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
Mimoza Morina | Universität Bern | Switzerland
Dr. Marialuisa Cavelti | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
PD Dr. Corinna Reichl | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie | Switzerland
PD. Dr. phil. Andrea Wyssen | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
Prof. Dr. med. Michael Kaess | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern | Switzerland
Einleitung: Suizid ist die zweit- oder dritthäufigste Todesursache im Jugendalter. Suizidgedanken bei Jugendlichen in der Schweiz kommen mit einer Prävalenz von 9.6% vor und 0.9% der Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren haben einen Suizidversuch begangen. Niederschwellige Hilfsangebote wie Hotlines stehen Jugendlichen zur Verfügung, werden jedoch selten genutzt. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende Studie die Einführung und Nutzung eines Notfallchats als eine alternative Form der Kommunikation, um Jugendlichen in suizidalen Krisenzeitnah Unterstützung zu bieten. Die Studie zielt darauf ab, die Nutzung dieses digitalen Angebots zu evaluieren und zu verstehen, wie ein solcher Notfallchat als niedrigschwellige Intervention zur Suizidprävention beiträgt.
Methoden: Während eines Jahres wurden ausgewählten Jugendlichen (n=77) zwischen 14 und 17 Jahren nach einer psychiatrischen Hospitalisation im Notfallzentrum der Kinder und Jugendpsychiatrie ein Chat zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe dieses Chats konnten die Jugendliche in suizidalen Krisen rund um die Uhr mit einer Fachperson des Notfallzentrums in Kontakt treten.
Die Nutzungsdaten und Chatdialoge (n=101) wurden mit Daten wie Alter, Geschlecht und Anzahl der Suizidversuche in Verbindung gebracht. Dies ermöglichte die detaillierte Analyse der Nutzungsmuster des Notfallchats sowie der Inhalte der Chatdialoge. Es wurde zudem explorativ untersucht, ob soziodemografische und klinische Daten die Nutzung des Notfallchats oder den Inhalt der Chatdialoge vorhersagen können.
Ergebnisse: Vorläufige Analysen zeigen, dass von den 77 eingeschlossenen Jugendlichen 44 den Notfallchat nie, 13 einmal, 17 zwei- bis fünfmal und 3 mehr als fünfmal benutzt haben. Von den 101 untersuchten Chatdialogen handelten 40 von Suizidalität, 28 von anderen psychischen Krisen, 5 von Halluzinationen und 3 von der Unterstützung einer suizidalen Drittperson.
Diskussion: Die vorläufigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass eine Ergänzung traditioneller Hilfsangebote für Jugendliche durch digitale Kommunikationsmittel wie Notfallchats zielführend ist, um den sich wandelnden Kommunikationsbedürfnissen der jüngeren Generationen gerecht zu werden. Zeitnahe und niederschwellige Unterstützungsmöglichkeiten können von entscheidender Bedeutung für die Suizidprävention sein. Zukünftige Forschung sollte untersuchen, ob die Verfügbarkeit eines Notfallchats die Anzahl Suizidversuche der Jugendlichen reduziert.