Auteurs:
Dr. Armita Tschitsaz | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
Andrea Schumacher | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
PD. Dr. med. Franziska Schlensog-Schuster | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
PD. Dr. phil. Andrea Wyssen | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
Nastassja Schnidrig | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
Prof. Dr. med. Michael Kaess | Universitäre Psychiatrische Dienste Bern | Switzerland
Einleitung
Die interpersonellen Beziehungen zu Eltern und Peers sind bei Patient*innen mit Anorexia nervosa (AN) erheblich beeinträchtigt und spielen deshalb eine bedeutende Rolle für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der Störung (Treasure et al., 2020). In der vorliegenden Studie wird die Beziehungsqualität von Patient*innen mit AN und einer klinischen Kontrollgruppe (KKG) mit anderen psychiatrischen Erkrankungen verglichen. Es wird angenommen, dass die Beziehungserfahrung zu den Eltern den Zusammenhang zwischen Mobbing und dem Schweregrad anorektischer Symptome moderiert.
Methoden
Die Patient*innen und die KKG wurden im stationären Bereich der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Bern rekrutiert. Die Patient*innen mit AN (n = 43) und die KKG (n = 127) wurden mittels der Coarsened Exact Matching Methode gematcht in Alter, Geschlecht und Funktionsniveau. Zu Beginn der Behandlung wurden Elternbeziehung, Mobbingerfahrung und Essstörungssymptome (Eating Disorder Examination, Körpergewicht, z-Wert) erfasst.
Ergebnisse
Patient*innen mit AN wiesen zu Beginn der Therapie eine Symptomschwere der Essstörung (Eating Disorder Examination) von 3.97 (1.00) auf. Der BMI befand sich bei 14.96 (1.49) mit einem z-Wert von -2.79 (1.33). Die Einschätzung der Elternbeziehung durch die Patienten mit AN war positiver im Vergleich zur KKG. Etwa die Hälfte der Patienten mit AN erlebte Viktimisierung in ihren Beziehungen zu Gleichaltrigen, während nur wenige eine Täterrolle einnahmen. Während weder Elternbeziehungen noch Mobbing mit der Symptombelastung der AN korrelierten, konnte eine gute Elternbeziehung den Zusammenhang zwischen Viktimisierung durch Gleichaltrige und Symptomschweregrad (Gewicht und z-Wert) moderieren.
Schlussfolgerung
Patienten mit AN zeigen abweichende Beziehungsmuster im Vergleich zur KKG. Die Tatsache, dass eine positive Elternbeziehung den Einfluss belastender Erfahrungen mit Gleichaltrigen auf anorektische Symptome bei AN-Patienten moderiert, deutet darauf hin, dass die Elternbeziehung trotzdem als wichtige Ressource betrachtet werden kann. Anhand der vorliegenden Befunde werden weitere Forschungsfragen abgeleitet, welche die Elternbeziehung als Schutzfaktor für die Prävention und Behandlung von AN genauer untersuchen
Referenzen
Treasure, J., Duarte, T. A., & Schmidt, U. (2020). Eating disorders. Lancet (London, England), 395(10227), 899–911. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)30059-3